Film & FaTZ

Fulminante NIKI (DE
SAINT PHALLE) Sondervorstellung

Das FaTZ / Living Museum in Kooperation mit Gloria Gloriette Kamera Kinos in Heidelberg

Ausverkauft war die Sondervorstellung am Montag, 03.11., im Gloria Kino in Heidelberg. Mit NIKI wurde ein mutiger und sehr besonderer Film gezeigt, der zur Living Museum Bewegung und zum neuen Living Museum Neckargemünd mit seiner revolutionären Sprengkraft und zum besonderen Konzept des FaTZ Neckargemünd hervorragend passt.

Das FaTZ ist eine Tagesklinik, in der Kinder und Eltern mit psychischen Erkrankungen gemeinsam behandelt werden. Je nach Indikation erfolgt die Aufnahme im FaTZ von Eltern und Kind als Patient:in oder Begleitperson. Das Angebot des FaTZ richtet sich besonders an Familien, in denen sowohl Eltern als auch Kinder Symptomträger:innen in der Familie sind. In den verschiedenen Therapiesettings werden vielfältige, aufeinander abgestimmte Therapiebausteine auf Grundlage von tiefenpsychologisch fundierter Therapie, Verhaltenstherapie und Systemischer Therapie nach Richtlinienverfahren angeboten.

Dem Empfang der zahlreich erschienenen Gäste mit Sekt-Buffett und der Begrüßung durch Jutta Freimuth, Chefin der Gloria Gloriette Kamera Kinos in Heidelberg, folgte eine instruktive Einführung durch Dr. Rieke Oelkers-Ax, Chefärztin des FaTZ, bevor die eigens für die Veranstaltung aus der Schweiz angereiste Dr. Rose Ehemann, Präsidentin Living Museum Schweiz Verein, Leiterin Living Museum Wil, Psychiatrie St. Gallen Nord und Stiftung Heimstätten Wil, einen interessanten und das anwesende Publikum begeisternden, sehr lebendigen Überblick über die Living Museum Bewegung gab: Die Intention sei gewesen und sei nach wie vor die Lösung eines großen gesellschaftlichen Problems: die Bemühungen, Menschen mit schweren Langzeiterkrankungen sinnhaft in die Gesellschaft zu inkludieren, seien weltweit mehrheitlich gescheitert. Es gebe zu wenige Anschlusslösungen nach stationären Aufenthalten, z.B. Arbeitsplätze, die ihren Fähigkeiten entsprechen. Die Entstehung des Drehtürsyndroms, also wiederkehrende stationäre Aufenthalte in einer Klinik, sei darauf zurückzuführen.

Ehemann: „Vor 35 Jahren fand THE LIVING MUSEUM in New York ein erfolgreiches Modell, um das Problem anzugehen. Das Living Museum ist ein Ort der Wärme, in welchem Betroffene in einer familienähnlichen Community Kunst schaffen und ausstellen. An diesem Ort werden sie akzeptiert und wertgeschätzt. Aufgrund der psychischen Grenzerfahrungen, die Betroffene erleben, haben sie ein enormes Potential und ungenutzte kreative Energien für die Schaffung von Kunst, wenn sie die Möglichkeit bekommen, sich im Living Museum zu entfalten und eine künstlerische Ausbildung zu erhalten.“ Ziel sei die Identitätsveränderung vom Menschen mit psychischen Erkrankungen zur Künstlerin bzw. zum Künstler. Davon, dass der Film NIKI dazu hervorragend ausgewählt war und passte, Danke an Jutta Freimuth und Tillmann Steinhilber für die Unterstützung!, war dem interessierten Publikum spätestens beim Abspann des anschließend gezeigten Films klar.

In aller Kürze, worum geht es: 1952 verdient die aus den USA zurückgekehrte Niki de Saint Phalle in Paris den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie als Schauspielerin und Model. Ihr Mann Harry Mathews studiert Musik und träumt von einer Karriere als Schriftsteller. Weil sie im Kindesalter von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde, leidet sie unter anderem unter Panikattacken. Nachdem ihr Mann unter ihrer Matratze versteckte Messer entdeckt, stimmt sie einer Behandlung in einer psychiatrischen Klinik zu. Dort entdeckt sie für sich die heilende Wirkung der Kunst. Nach der Entlassung intensiviert sie ihr künstlerisches Schaffen. Obwohl sie von Bekannten als „Frau eines Schriftstellers, die malt“ bezeichnet wird, lässt sich davon nicht abbringen und sagt eine Hauptrolle in einem Film von Robert Bresson ab. Außerdem pflegt sie ihre Freundschaft zu dem Bildhauer und ihrem späteren Ehemann Jean Tinguely und dessen erster Frau Eva Aeppli. Die Werke von Niki de Saint Phalle sind bekannt. Ihre sogenannten Nanas – voluminöse, ausladende, sehr bunte Figuren – zieren viele öffentliche Plätze. Viele Ausstellungen führten die Künstlerin auch nach Deutschland, wo sie bleibende Spuren in Form ihrer Skulpturen hinterlassen hat, u.a. auf der Skulpturenmeile in Hannover.

Davon, dass der Film besonders ist, weil eben nicht das Werk im Mittelpunkt steht, sondern die Psyche der Hauptfigur, für die Kunst vor allem als Verarbeitung von Missbrauchserfahrungen dient, konnte sich das Publikum direkt überzeugen.. „Der Film zeigte einen völlig neuen Blick auf die Künstlerin.“ und „Man hätte nicht gedacht, dass es klappt, einen Film zu machen, ohne ihre Kunst zu zeigen.“ äußerten sich einige Gäste spontan. Im anschließenden Gespräch zwischen zunächst Ehemann und Oelkers-Ax, sodann auch unter lebhafter Beteiligung des selbst nach einer kurzen Unterbrechung weiter anwesenden und sehr interessierten Publikums wurde klar, dass Kunst als Katalysator dienen kann, der nicht nur das Individuum verändert, sondern auch den Raum, die Community und letztendlich die Gesellschaft und Welt insgesamt beeinflusst. Kunst hat stabilisierende Effekte auf die Betroffenen.

Ehemann: „Sie eignen sich diesen Ort in gewisser Weise an, unterstützen sich gegenseitig und lernen voneinander, was ihnen in Wechselwirkung Recovery ermöglicht. Bei dem gravierenden Fachpersonen-Mangel in der Psychiatrie, der sich künftig noch verstärken wird, bietet das Living Museum eine Möglichkeit, dieses Problem abzufedern.“

Fragen auch zum LIVING MUSEUM FaTZ NECKARGEMÜND wurden ausführlich beantwortet. Oelkers-Ax: „Das LIVING MUSEUM FaTZ NECKARGEMÜND hat seinen Platz in Neckargemünd in unmittelbarer Nähe des FaTZ gefunden. Menschen können sich im LIVING MUSEUM frei und selbstbestimmt bewegen und autonom ihren Tätigkeiten nachgehen. Sie übernehmen Verantwortung für sich und ihre Umgebung im LIVING MUSEUM. Sie eignen sich diesen Ort an, entwickeln sich darin und alle können partizipieren.“ Auf weitere Frage. „Im LIVING MUSEUM FaTZ NECKARGEMÜND herrscht Freiheit von Konventionen, jede Stimme zählt und alle sind eingeschlossen in den Prozess.“ Und schließlich: „Es geht in seinen Ansätzen und Methoden über die traditionelle Kunsttherapie hinaus und seine umfassende therapeutische Wirkung wird anhand von langjährigen praktischen Erfahrungen bestätigt. Nicht die Bekämpfung von Symptomen steht im Vordergrund, sondern die Förderung authentischer Kunst, die von Menschen mit psychischen Erkrankungen geschaffen wird.“ Fazit: Eine rundum gelungene Veranstaltung, die wiederholt werden sollte.